Kinder brauchen Dreck, warum Schmutz im Garten gut fürs Immunsystem ist

Kinder brauchen Dreck, warum Schmutz im Garten gut fürs Immunsystem ist

Die Wissenschaft sagt: erdige Hände sind gesunde Hände

von Chrissi | Agrarwissenschaftlerin & Agrarbiologin

"Nicht in die Erde greifen!" Wer von uns hat diesen Satz nicht schon gesagt oder gehört. Wir sind es gewohnt, Kinder vor Schmutz zu schützen. Hände waschen, Kleidung sauber halten, Mikroben vermeiden. Aber was, wenn wir damit genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir wollen?

Ich beobachte es immer wieder, bei den Kindern in meiner eigenen Familie genauso wie in den Kitas, mit denen ich arbeite. Sobald die Erde erlaubt ist, wird gebuddelt, geknetet, probiert. Und genau das ist gut so. Die Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt ziemlich eindeutig: Kinder, die regelmäßig in Kontakt mit Erde, Pflanzen und Mikroben kommen, entwickeln stärkere Immunsysteme, weniger Allergien und eine bessere psychische Gesundheit. Schmutz ist nicht das Problem. Schmutz ist die Lösung.

Die Hygiene-Hypothese: Immunologen beobachten seit den 1980er Jahren, dass Kinder in zu sterilen Umgebungen häufiger an Allergien, Asthma und Autoimmunkrankheiten leiden. Das Immunsystem braucht Übung, also Kontakt mit harmlosen Mikroben, um zu lernen, was wirklich gefährlich ist und was nicht. Gartenerde liefert genau diese Übung.

Was Gartenerde Kindern wirklich gibt

Mikrobielle Vielfalt
Ein Teelöffel Gartenerde enthält Milliarden von Mikroorganismen. Dieser Kontakt trainiert das kindliche Immunsystem.
Ein kleiner Stimmungsheber
Mycobacterium vaccae, ein harmloses Bodenbakterium, stimuliert nachweislich die Serotoninproduktion, unser Glückshormon.
Weniger Allergien
Kinder, die auf Bauernhöfen oder in Gärten aufwachsen, entwickeln seltener Heuschnupfen, Asthma und Nahrungsmittelallergien.
Bessere Konzentration
Naturkontakt reduziert Stresshormone und verbessert die Konzentrationsfähigkeit, auch bei Kindern mit ADHS-Symptomen.

Was passiert, wenn Kinder zu wenig Dreck kriegen

Studien aus mehreren Ländern zeigen einen klaren Zusammenhang. Je städtischer und steriler die Umgebung, desto höher die Rate an Allergien, Autoimmunerkrankungen und Angststörungen bei Kindern. Das nennt sich Naturdeprivation, und es ist ein ernstes Phänomen unserer Zeit.

Was das für den Alltag bedeutet: Kinder brauchen nicht mehr Hygiene, sie brauchen mehr echten Naturkontakt. Barfuß gehen, Erde anfassen, im Matsch spielen, Würmer anfassen, Beeren direkt vom Strauch essen. Das ist keine Vernachlässigung. Das ist gesunde Entwicklung.

Der Garten als Immuntraining

Kein Spielgerät der Welt bietet so viele Gelegenheiten zum Dreckigwerden wie ein Garten. Hände in der Erde, direkter Kontakt mit Bodenmikroben. Würmer und Insekten anfassen, was ganz nebenbei die Scheu vor Kleintieren nimmt. Früchte direkt vom Strauch essen, ungewaschen, mit allem, was noch dran ist. Im feuchten Boden matschen. Kräuterblätter abreiben und riechen. All das passiert von selbst, sobald Kinder Zeit im Garten verbringen.

Chrissis Tipp
Lass dein Kind nach dem Gärtnern ruhig eine Weile mit erdig-grünen Händen bleiben. Nicht sofort waschen, die Mikroben brauchen ein paar Minuten Kontaktzeit, um zu wirken. Und ganz ehrlich, erdige Kinderhände sind das schönste Bild, das ein Garten produzieren kann.

Deine offizielle Erlaubnis

Du darfst dein Kind in die Erde greifen lassen. Du darfst zuschauen, wie es Würmer anfasst. Du darfst die schmutzigen Knie abends als Zeichen eines guten Tages werten. Die Wissenschaft steht auf deiner Seite, und ich auch.

Häufige Fragen

Ist Erde essen wirklich ungefährlich?
Kleine Mengen Gartenerde sind für gesunde Kinder ungefährlich. Natürlich sollte man aufpassen, dass keine großen Mengen geschluckt werden und dass die Erde nicht mit Schädlingsbekämpfungsmitteln belastet ist. Im eigenen, biologisch bewirtschafteten Garten ist das Risiko sehr gering.
Was ist mit Tetanus, braucht mein Kind einen Impfschutz?
Ja, der Tetanus-Impfschutz sollte aktuell sein, das gilt grundsätzlich. Aber das ist kein Argument gegen Gartenarbeit, sondern ein Argument für regelmäßige Impfauffrischungen. Mit aktuellem Impfschutz ist Gärtnern völlig unbedenklich.
Wann soll ich dann Hände waschen lassen?
Vor dem Essen, nach dem Toilettengang, wie immer. Aber nicht nach jedem Kontakt mit Erde oder Pflanzen. Dieser Reflex, sofort zu waschen, ist gut gemeint, aber für die Immunentwicklung eher kontraproduktiv.

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